Googles KI-Offensive stellt eine alte Frage neu
Viele kleine und mittlere Unternehmen haben ihre Office-Welt vor Jahren entschieden — meist zugunsten von Microsoft 365 — und seitdem nicht mehr hinterfragt. Auf der Google Cloud Next '26 hat Google diese Ruhe gestört: Der Konzern hat seine Büro-Suite Workspace mit einer Reihe neuer KI-Funktionen ausgestattet und wirbt offen um Wechsler von Microsoft 365.
Damit steht eine Frage wieder im Raum, die viele für beantwortet hielten: Welche Office-Suite passt heute zu meinem Unternehmen — und sollte die KI daran etwas ändern? Dieser Beitrag ordnet ein, was sich geändert hat, und woran Sie die Entscheidung wirklich festmachen sollten.
Was sich bei Google Workspace gerade geändert hat
Auf der Cloud Next '26 hat Google im Frühjahr 2026 mehrere Neuerungen vorgestellt:
- Workspace Intelligence: Eine KI, die über das einzelne Dokument hinaus den Zusammenhang Ihrer Arbeit erfasst — Inhalte aus Docs, Gmail und Präsentationen, laufende Projekte und Beteiligte. Sie soll Aufgaben nicht nur beantworten, sondern eigenständig Schritte ausführen (sogenannte Agenten).
- Zentrale KI-Steuerung: In der Admin-Konsole gibt es ein Kontrollzentrum, mit dem Unternehmen festlegen, welche KI- und Agenten-Funktionen auf welche Workspace-Daten zugreifen dürfen.
- Schnellerer Umstieg: Ein neuer Importdienst soll den Wechsel von Microsoft 365 zu Workspace beschleunigen — Google nennt eine bis zu fünfmal schnellere Datenübernahme.
- Brücke zu Microsoft: Google Chat kann künftig auch mit Microsoft-Teams-Konten anderer Organisationen kommunizieren.
Die Botschaft dahinter ist deutlich: Google will den Wechsel erleichtern und Workspace als ernsthafte KI-Plattform positionieren. Microsoft wiederum hat sein Office im Mai 2026 für verschiedene KI-Modelle geöffnet — beide Anbieter ziehen also gleichzeitig an.
Microsoft 365 oder Google Workspace — worauf es für KMU ankommt
Die Wahl entscheidet sich selten am einzelnen KI-Feature, sondern an fünf Faktoren.
KI-Fähigkeiten
Beide Suiten bieten heute KI direkt in den Anwendungen — Microsoft mit Copilot, Google mit Gemini und Workspace Intelligence. Der Funktionsabstand schrumpft. Wichtiger als die Länge der Feature-Liste ist, ob die KI zu Ihren konkreten Aufgaben passt.
Datenschutz und Governance
Für Unternehmen im DACH-Raum ist entscheidend, wo Daten liegen und wer darauf zugreift. Beide Anbieter bieten EU-Datenregionen und Auftragsverarbeitung an — aber Datenschutzkonformität entsteht nicht automatisch, sondern durch korrekte Konfiguration. Neu ist, dass sich die KI-Zugriffe in beiden Welten inzwischen zentral steuern lassen.
Lock-in und Migration
Ein Wechsel ist nie nur ein Datenexport. Microsoft 365 ist bei vielen KMU tief verankert — über Windows, die Office-Dateiformate und Teams. Googles schnellerer Importdienst senkt die Hürde, beseitigt sie aber nicht: Makros, Vorlagen, Berechtigungen und eingespielte Abläufe ziehen nicht per Knopfdruck um.
Kosten und Lizenzen
Beide Suiten arbeiten mit gestaffelten Abo-Modellen. Microsoft 365 Business Premium ist für KMU eine etablierte Basis; die Copilot-Funktionen werden meist separat lizenziert. Google bündelt Gemini zunehmend in die Workspace-Tarife. Rechnen Sie nicht nur mit dem Listenpreis, sondern mit den Gesamtkosten inklusive Umstellung und Schulung.
Zusammenarbeit und Anbindung
Wenn Sie viel mit Kunden und Partnern zusammenarbeiten, zählt, womit diese arbeiten. Die neue Brücke zwischen Google Chat und Microsoft Teams entschärft das Thema etwas — der reibungsloseste Weg bleibt aber meist die Suite, die Ihr Umfeld ohnehin nutzt.
| Faktor | Microsoft 365 | Google Workspace |
|---|---|---|
| KI in den Apps | Copilot, Modellwahl in Office | Gemini, Workspace Intelligence |
| Verbreitung im Mittelstand | sehr hoch | wachsend |
| Stärke | tiefe Windows- und Office-Integration | Zusammenarbeit im Browser, schneller Import |
| KI-Governance | zentral steuerbar | zentral steuerbar (neu) |
| Typischer Umstieg | Standard in Windows-Umgebungen | erleichtert, aber mit Aufwand |
Was das für Ihre Entscheidung heißt
Für die meisten KMU im DACH-Raum gilt: Ein Wechsel allein wegen eines neuen KI-Features lohnt sich selten. Der Funktionsabstand zwischen beiden Suiten ist gering und wird mit jedem Update kleiner. Entscheidend sind drei Fragen:
- Wo liegen Ihre Daten und Abläufe heute? Wer auf Windows, Excel-Vorlagen und Teams aufbaut, hat in Microsoft 365 den kürzeren Weg. Wer ohnehin browserbasiert und geräteübergreifend arbeitet, fühlt sich in Workspace schnell zu Hause.
- Welche Governance können Sie tatsächlich durchsetzen? Die wichtigste Neuerung 2026 ist nicht ein einzelnes KI-Feature, sondern dass sich zentral regeln lässt, welche KI auf welche Daten zugreift. Diese Kontrolle sollten Sie nutzen — unabhängig vom Anbieter.
- Welche Aufgaben wollen Sie wirklich mit KI lösen? Ein klar umrissener Anwendungsfall bringt mehr als die längere Funktionsliste.
Unsere Einschätzung
Die KI-Offensive auf der Cloud Next '26 ist ein gutes Signal: Wettbewerb senkt Preise und treibt Funktionen voran — in beiden Lagern. Für die Suite-Entscheidung sollten Sie sich davon aber nicht treiben lassen. Wir sehen in der Praxis, dass nicht das lauteste KI-Feature den Unterschied macht, sondern wie gut eine Suite zu den bestehenden Abläufen passt und wie konsequent der Zugriff auf Daten geregelt ist. Wählen Sie nach Ihren Arbeitsabläufen und Ihrer Daten-Governance — nicht nach dem Logo auf dem KI-Knopf.
